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Konzert Rückblick
 

Diana Krall – live in der Royal Albert Hall, London 19., 20. und 21.09.2002
Grandiose Krall in heiligen Hallen

An den drei Abenden im September, an denen Diana Krall die ausverkaufte Royal Albert Hall, Londons elegantesten und mit annähernd 5500 Sitzplätzen größten Konzert-Tempel victorianischer Eleganz, in einen atmosphäregetränkten Jazz-Club verwandelte, hing ihr ein begeistertes Publikum jeweils zwei Stunden lang an Lippen und Fingern und lag ihr anschließend zweifelsohne zu Füßen. Als sie am Donnerstag Abend erstmalig die Bühne mit Blick auf das gefüllte Auditorium betrat und in der ihr typischen spontanen Art ihrer Ehrfurcht Luft ließ und nach einem tiefen hörbaren Atemzug ins Mikrophon hauchte „This is a pretty incredible place“, wurde wohl jedem klar, dass man dieser Frau heute Abend alles abnehmen würde, was kommen mag. Und was kam, war eine intime und zugleich meisterhafte Darbietung musikalischer Ausdrucksstärke. Eine unprätentiöse, ehrliche und vollkommen auf das wesentliche konzentrierte Show nahm ihren Lauf.

 
 

Besonders die drei Mit-Musiker, Anthony Wilson (Gitarre), Jeff Hamilton (Drums) und Pierre Boussaguet (Bass), bei weitem mehr als bloße Begleitcombo, strotzen nur so vor Spielfreude. Wer’s kennt oder die empfehlenswerte Liveaufzeichnung „Diana Krall - Live in Paris“ (DVD/VHS) besitzt, wird wissen, wie sehr die Krall'schen Konzertauftritte besonders vom punktgenauen und nuancenreichen Zusammenspiel dieses Quartetts geprägt sind. Jeff Hamilton kennt Diana bereits seit ihren Teenager-Zeiten, die bei der erstaunlicherweise fast 38-jährigen doch bereits einige „Tage“ zurückliegen. Er nutzt den kompletten Facettenreichtum seines Equipments, fern von jeder rhythmischer Überheblichkeit und unnötiger Schlagzeugakrobatik und spielt gerade dadurch mit Eleganz und effektvoller Fertigkeit dort, wo nichts anderes seinen Platz hätte. Nicht umsonst gilt er seit Jahren als einer der weltbesten Drummer des Mainstream-Jazz. Anthony Wilson wiederum ist allein aufgrund seiner Animation und Mimik besonders während seiner Soli nicht nur akustisch ein Genuss: Wie ein Kreis, der sich am Anfang leicht aus der Melodie zu lösen scheint, dann vollkommene Eigenständigkeit gewinnt, um zum Schluss wieder dort zu landen, wo der nicht minder geniale Bassist Piere Boussaguet den Faden wieder aufnimmt. Pierre selbst muss mit gutem Gewissen als der wohl improvisationsstärkste Bassist in Diana Krall's beeindruckender Riege an Tour-Zupfern gelten. Kaum einem anderen ließ sie bisher so viel Freiraum und Solopassagen, und seine hoch-kreativen Einlagen wurde besonders am Samstag mit anhaltendem Jubel belohnt.

Diana selbst hätte kaum eine größere Mischung aus unterschiedlichsten Metaphern sein können. Sie beherrschte wie stets das Laszive, Verruchte wie im Bacharach-Classiker „The Look Of Love“ ebenso perfekt wie das liebestrunken-rührende „But Not For Me“, bei dem lediglich sie selbst sich begleitete. Gleichzeitig verschwand sie häufig in traumhaften Solo-Exkursen, teils kraftvoll und virtuos, teilweise dramatisch und von beinahe erschreckender Tragik. Stets jedoch im Rahmen dessen, was nötig ist. Das Geheimnis um ihre magische Anziehungskraft ist nach wie vor ungelüftet, aber in solchen Momenten, in denen sie genau zu spüren scheint, was reicht, jegliche Übertreibung oder zu offensichtliche Demonstrationen mächtigen Tastatur-Pflügens vermeidet und somit die Akzente dann zu setzen vermag, wenn sie passen, scheint man dem Reizauslöser auf die Spur zu kommen. Sie spielt und singt den Auftakt-Song „I Love Being Here With You“ mit einer Rasanz, die selbst geübte Text-Kenner auf der Strecke lässt. Sie steigt am Ende von „All Or Nothing At All“ in den gewohnten Bossa Nova ein, zitiert dabei ununterbrochen bekannte Melodiefragmente von den Beatles bis zu Thelonious Monk. Ja sie zitiert sich teilweise selbst, was nicht zuletzt von ihrem schier unbegrenzten musikalischen Einfallsreichtum, aber auch ihrem spontanen Humor herrührt. Sie springt problemlos von Gershwin zu Elvis Costello, dessen „Almost Blue“ sie unter tosendem Beifall am Freitag als Zugabe einschob. Obendrein erzählt sie nebenbei von Begegnungen mit Burt Bacharach, den sie zufällig im Supermarkt traf, ihn einfach umarmte und dann zur Käsetheke weiterging. Einen frechen „Speak-Up“ Zwischenruf kommentierte sie mit einer locker geklimperten Eishockey-Orgel-Melodie, einem Seufzer und dem Spruch „You know, I used to play before the hockey crowds back in Canada...“ Der lautstarke Zuschauer hielt sich fortan geschlossen.

Am Donnerstag war nur eingefleischten Fans das Handicap einer saftigen Erkältung wirklich aufgefallen, mit der sie den gelegentlichen Griff zum Taschentuch, schüchternes Husten und das zeitweilige Lutschen auf Halsbonbons entschuldigte. Nicht dass derartige Lappalien die Qualität der Show in irgendeiner Form beeinträchtigt hätten. Aber beim Bühnenabtritt hatte sie nach nur einer Zugabe den einwenig erschlagenen Gesichtsausdruck den wir alle kennen, wenn wir bei einer gemeinen Kopfgrippe lediglich zum Briefkasten gegangen waren. Zu viele Grippe-Pillen kann sie sich vor einem Auftritt ohnehin nicht einwerfen – man möchte schließlich so präsent wie möglich sein, sagte sie anschließend im kleinen Kreis.

Zum Glück war ihr am Freitagabend eine sichtliche Besserung anzumerken, was sicher auch mit der Anwesenheit ihres Vater zusammenhing. Es ist unbestritten Teil ihrer besonderen Ausstrahlung, dass sie keinen Hehl daraus macht, wie sehr ihr die simplen Dinge im Leben und besonders ihre Familie am Herzen liegen. In einem anschließenden persönlichen Gespräch mit ihr kam genau das zum Vorschein. Man sprach über normales Zeug: Unsere gemeinsame Begeisterung für Monty Python; wie nervig lästige Erkältungen sind, wenn man nicht zu Hause sein kann und wie klasse es ist, wenn man die Familie um sich hat (weswegen sie sich verständlicherweise auch nach relativ kurzer Zeit zurückzog). Man kann es „down-to-earth“, Natürlichkeit oder auch Coolness nennen. Doch am Ende überrascht das niemanden, der sie bereits auf der Bühne erlebt hat.

Was sie dem Publikum zu sagen hat, sagt sie musikalisch. Am Anfang steht das obligatorische „I Love Being Here With You“ und das Ende macht „S’Wonderful“ mit den schmeichelhaften Zeilen „you make me feel so glamorous – you can’t blame me for feeling amorous“. Im Interview erzählte sie, dass sie, jedesmal wenn sie London besucht, daran denkt, gerne eine zeitlang hier leben zu wollen. Dabei nicke ich jedesmal lediglich verständnisvoll mit dem Kopf. So geht es vielen...

nvm

 


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